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Mitlesebuch 73, Gedichte - Achim Wannicke

Der Hintergrund schiebt sich nach vorn

Buchpremiere „MITLESEBUCH 73“ von Achim Wannicke
im Großen Coupé Theater in Berlin Wilmersdorf


Von Udo Schneider


Das Piano intoniert die Vorgabe des Abends: die schnellen Töne werden die langsamen suchen und dankbar der Stille folgen, die sich in den weichen Momenten einstellt. Der Dichter kommt. Was mag es heuer zu sagen geben, da die Illusionen zerstört und die Hoffnungen so neblig wirken?

Der Saal ist gefüllt bis zum letzten Platz, einhundertundzehn, die am Freitagabend in der Hauptstadt schauen, welche Wahrheit sich aus Lyrik ziehen läßt. Ich auch. Wie geht das, Poesie im gesellschaftlichen Vakuum, in dem alles sagbar und fast alles gesagt scheint?

In den ersten Zeilen Wannickes, der leise spricht, versucht der Saal sich zu justieren. Empfindungen eines transzendierten Weltgeistes, aber so voll von Gefühl, denkt der Chronist. Das Denken wandelt sich, als von der Liebe die Rede ist, dann die Reise in den  Norden, atlantische Gefilde. Wer spricht dort? Zeitlosigkeit, die Luftwurzeln in frühgeschichtlichen Gefühlsmustern sucht, wird fündig in den Erinnerungen an… - wenn dies nur zu sagen wäre. In diesen Wahrnehmungs- und Empfindungsebenen gibt es keine wirklich logische Begrifflichkeit mehr, allenfalls ein Folgen mit angehaltenem Atem, bei dem sich eine merkwürdige Geistigkeit im Raum breit macht.

Was macht eine 15jährige Familienpause mit einem Dichter? Wir meinen fühlen zu können, was geschehen ist in dem Leben, von dem wir in geschwungenen Versen über Herzensnot, Liebesfülle und dem Empfinden eines Vaters hören. Doch kurz bevor sich eine analytische Kenntnis darüber einstellen kann, geschieht etwas: der Hintergrund schiebt sich nach vorn. Im Kopf des Hörenden. In allen Köpfen. Die Atmosphäre im Raum wird dichter. Der Punkt des Essentiellen verlagert sich. Dies kommt durch eine fast magische Bildmächtigkeit, bei der sich der innere Montagepunkt verändert, wie die Schamanen sagen. Und da mag auch des Dichters Kunst liegen, ein Großstadtschamane. Er führt uns in den Mittelpunkt seines ureigenen emotionalen Focus und es gibt dort auch für uns so etwas wie ein zu Hause, eine heimelige Unheimlichkeit- oder ist es eine unheimliche Heimeligkeit? Darum gehen wir geistig mit. Und wegen der Zärtlichkeit dieser Sprache, ja darum sitze ich auch noch hier. So weit, wie es noch ein Ich gibt.

Wer sich entgrenzen kann, der wird Zeuge. „Der Aufstieg der Worte in eine ruhige Umarmung“. Das Bild will erst mal gelebt sein. Der 4-fache Vater Achim Wannicke kann es - und er reflektiert auch noch herzerfrischend darüber. In wild entschlossener Gedächtniswut geht er mit Bildern um, die einer eigenen Schwingung folgen, die Suche nach einer inneren Wahrheit, - ja, die gibt es hier noch tatsächlich. Verstehen kann hier indes nicht mehr Logos heißen, denn auch die „Zwischenräume zeigen Eigenart“. Und gleich im nächsten Moment müssen wir unsere nächste Empfindung abfragen: Was war das jetzt ? Respekt, Glaube, oder nur Schönheit des Wortes. Gibt es eine Täuschung, wenn ja, worin besteht sie? Warum sitze ich hier? Wer bin ich? Verstörend wie eine Odyssee hält uns bei den Bildern nur noch das Gefühl. Es ist das Vertrauen zum Dichter, das uns weitergehen läßt, zu den alten Göttern, den Wölfen in Frauen und - auf Englisch- in das Nest der Erdmutter. Wir lernen viel dabei. Merke: „Wer die Mütter verrät, wird haltlos“. Ein vertikal Reisender, immer auch verletzt, doch nie verletzend.

„Heiliges geschieht nie ohne Entsetzen“. Das ist spürbar an diesem Abend mit dem Dichter aus Potsdam, doch genügt heute Distanz zum Alltagsselbst, um mit auf solcherart Reisen zu gehen und Poesie zu genießen ? In seinem letzten langen Gedicht sind wir gemeinsam in einem großartigen Bilderrausch, einem katathymen Drama, für die nur der Poet ein Drehbuch haben mag; viel entzieht sich leider, weil wir bisweilen einhalten wollen, der Verstand sich wieder einkriegen möchte. Das Poem Irminsul lehrt uns, mit den Bildern zu gehen – als Lebensweg: die Objektivität ist nicht immer dein Freund. Hier wird emotionale Intelligenz abgefragt. War längst fällig, danke, denkt sich das Ich, als es sich wieder einstellt.

Vielleicht nicht doch zu entortet, zu flüchtig, zu beliebig ? fragt der Kritiker. Nein, der hier wird uns immer wieder treffen, wenn wir es wollen. Denn der hier ist aus dem Überall. Und überall dort, wo die Seele nach ihrer Essenz sucht, da wird er in der Nähe sein. Der Versuch gelingt, der Abend ist ein Erfolg. Belebte Gesichter verlassen den Raum. Inspiration durch ein holographisches Bewußtsein, das in mehreren Perspektiven rotiert: in der Zeit, im Kontext des Seins und auf der psychischen Ebene, asynchron. Gleichwohl immer im Hier und Jetzt. Und nun beschreiben Sie das mal besser. Das kann nur ein Dichter.


[ Der Kulturjournalist Udo Schneider (57) schreibt für Fernseh- und Rundfunkanstalten.]